Konflikte und Authentizität?

“Die Lehrer-SchülerInnen-Beziehung…kann ich überhaupt mich selbst sein?”

Konflikt hat verschiedene, vorangehende Variablen. Eine Sachanalyse über Konflikte zeigt, dass viele Faktoren, z.B. soziodemografische, emotionale, glaubensorientierte, rein-soziale, erzieherische, ressourcentechnische, etc. Auslöser sein können. Sie zeigen sich dann in den Konfliktsituationen selbst, zum Beispiel in sozialen Dilemmas, Verhandlungen, Kriege, etc., und sind so die Ausprägung von Interessenkonflikten (basierend auf Werten) die solchen Situationen vorangehen (Pruitt, 1998). Aufgrund der Diversität seines Ursprungs kann Konflikt folgendermassen definiert werden: Konflikt ist der Zustand einer objektiven Inkompatibilität zwischen Wertvorstellungen oder Zielen, welches, in Betracht auf das Verhalten, das vorsätzliche Eingreifen oder Erschweren des Erfolgs des Gegenübers, oder, in Betracht auf Emotionen, Feindseligkeit zur Folge hat (Bernard, 1950; Pruitt, 1998). Wie wird eine Handlung angetrieben (Prozess und Kondition) und wo (intern oder extern) findet der Konflikt statt (vgl. Kilmann & Thomas, 1978)?

Konflikte entstehen also stets, wenn unterschiedliche Menschen zusammenkommen. Denn keine zwei Menschen haben wohl die gleichen Wertvorstellungen und Ziele. Wie damit umgegangen werden kann (z.B. durch Akkommodation oder Herausforderung) zeigt ein simples Modell (vgl. Ruble & Tomas, 1976; Kilmann & Thomas, 1977).

Zweidimensionales Modell aus Ruble & Tomas, 1976.

 

Wenn also alle Parteien nur authentisch wären, dann stünden sich viele Ideale gegenüber. Die Konflikte fallen zudem grösser aus, wenn die Ideale durch Wertungen (anderer) unterlegt sind (Brink, 2003). Das Anliegen der Authentizität kommt demnach stets dann zum Vorschein, wenn der Agent (in diesem Fall die Lehrperson) gefragt ist, normative Berücksichtigungen, Idealen zuzuschreiben, die er selbst zu dem Zeitpunkt noch nicht vertritt. Die Lehrperson ist also mit dem Dilemma konfrontiert, ob sie den Idealen anderer gerecht wird, werden soll, kann oder muss. In den seltensten Fällen wird eine authentische Handhabung – unter Berücksichtigung von Normen (wie sich eine Lehrperson zu verhalten hat) – den Idealen anderer eins-zu-eins gerecht, dann Authentizität beruht innig auf die eigenen Moral- und Wertvorstellungen. Auf der anderen Seite beruht Nachsichtigkeit etwas mehr auf „temporärer Neutralität“ (id., S.223). Es ist aber nur schwer möglich, nach den Vorstellungen von anderen, und die man selbst nicht besitzt, zu handeln.  Dies wirft die Frage der Identität, und den Prozess der Identifizierung, auf.

Nun, wo kommt die Authentizität ins Spiel? Wenn Nachsichtigkeit (durch niedriges Durchsetzungsvermögen) eher pazifistische Handlungen an den Tag legt, kann es durchaus sein, dass man von den SuS überrannt wird. Ist man aber dabei zu authentisch, dann respektieren einem zwar die SuS für die Echtheit, aber das zu Lernende läuft Gefahr, in den Hintergrund zu geraten.

Authentizität im Klassenzimmer heisst also geteilte Kontrolle über das Gesagte und Gelernte (d.h. authentische Partizipation) (Anderson, 1998). Eine andere Möglichkeit ist es, den SuS authentisch intellektuell anregende Arbeiten zu geben (Niveaudifferenzierung berücksichtigt). Solche scheinen gar eine bessere Leistungserbringung in Lesen, Mathematik und Schreiben zu ermöglichen (Newmann & Nagaoka, 2001).

Begibt man sich also in die Lebenswelt der Jugendlichen um zu erfahren was für die SuS authentisch ist? Im Film, beschreitet Herr Müller seinen eigenen Pfad bis hin zur Selbsterkenntnis (indem er sich selber treu bleibt), und er dringt zur selben Zeit zu den SuS durch. Eine gute Lehrperson teilt die Lebensumwelt der SuS ein Stück weit, und hält ein gesundes Gleichgewicht zwischen Authentizität und Nachsichtigkeit in Bezug auf das Lernen und Wohlbefinden der SuS.

Lebensnaher Unterricht ist demnach von grosser Bedeutung. Die Lehrperson hat also nicht nur authentisch zu sein, indem sie nur sich selbst ist, sondern auch Nachsichtig, indem sie mit Echtheit einen gemeinsamen Nenner findet mit den SuS. „Identifiziere ich mich irgendwo mit dem was mir der Lehrer sagt? Kann ich sie oder ihn verstehen? Versteht sie oder er mich?“ Nach dem Gedankengut von Pestalozzi, soll die Bildung ganzheitlich sein, und den Kopf, das Herz und die Hand miteinbeziehen.

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Anderson, G. L. (1998). Toward authentic participation: Deconstructing the discourses of participatory reforms in education. American Educational Research Journal, 35(4), 571-603.

Bernard, J. (1950). The Conceptualization of Intergroup Relations-With Special Reference to Conflict. Soc. F., 29, 243.

Brink, D. O. (2003). Prudence and authenticity: Intrapersonal conflicts of value. The Philosophical Review, 112(2), 215-245.

Kilmann, R. H., & Thomas, K. W. (1977). Developing a forced-choice measure of conflict-handling behavior: The” MODE” instrument. Educational and psychological measurement, 37(2), 309-325.

Kilmann, R. H., & Thomas, K. W. (1978). Four perspectives on conflict management: An attributional framework for organizing descriptive and normative theory. Academy of Management Review, 3(1), 59-68.

Newmann, F. M., Bryk, A. S., & Nagaoka, J. K. (2001). Authentic Intellectual Work and Standardized Tests: Conflict or Coexistence? Improving Chicago’s Schools.

Pruitt, D. G. (1998). Social conflict. McGraw-Hill.

Ruble, T. L., & Thomas, K. W. (1976). Support for a two-dimensional model of conflict behavior. Organizational Behavior and Human Performance, 16(1), 143-155.

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